Stadtverwaltung Bottrop ergreift Partei für Kokerei und schönt Messungen

In der Beschlussvorlage des Fachbereichs Umwelt und Grün für den Ausschuss für Stadtplanung und Umwelt fasste die Stadtverwaltung den „Untersuchungsbericht zur Immissionsbelastung von Nahrungspflanzen in Bottrop. Gesamtbericht Grünkohlexposition 2020“ des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) zusammen.

Darin behauptet die Stadtverwaltung: „Nach Aussagen der Bezirksregierung Münster und des Landesumweltamtes haben die angeordneten und von Arcelor Mittal auch umgesetzten Maßnahmen zu einer deutlichen Reduzierung der Luftschadstoffbelastung durch BaP und PAK4-geführt.“

Leider nennt die Stadtverwaltung Bottrop den Ausschussmitgliedern dafür keine Quellen. So können weder die Ausschussmitglieder noch die von den Immissionen der Kokerei betroffenen Bürger prüfen, ob die genannten Behörden ihrerseits einen Zusammenhang zwischen den gesunkenen Immissionen und den getroffenen Maßnahmen behauptet haben. Solange dieser Zusammenhang nur behauptet und nicht nachgewiesen wird, müssen die betroffenen Bürger ohnehin befürchten, dass die verminderten Immissionen auf die Kurzarbeit in der Kokerei und auf Witterungseinflüsse zurückzuführen sind.

In dem genannten Bericht des LANUV, auf den sich der Betreff zur Beschlussvorlage bezieht, findet sich diese Aussage jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil – wörtlich führt das LANUV aus: „Inwiefern auch Veränderungen der Emissionssituation der Kokerei zur in 2020 gefundenen PAK-Verteilung beigetragen haben, kann vom LANUV nicht beurteilt werden.“ (Seite 11)

Daher empfehlen wir den Mitgliedern des Ausschusses für Stadtplanung und Umweltschutz und allen interessierten Bürgern, den Bericht des LANUV zu lesen und sich nicht auf die Zusammenfassung der Stadtverwaltung zu beschränken.

Wer wirklich eine Linderung des Leids der Anlieger der Kokerei herbeiführen will, sollte sich die Emissionsquellen der Kokerei vornehmen. Für die betroffenen Bürger ist die vom LANUV angesprochene „Emissionssituation der Kokerei“ maßgeblich und nicht die von zufälligen Witterungs-und Konjunktureinflüssen abhängige kurzfristige Immissionslage.

Wenn die Kokerei hieb- und stichfest den Erfolg ihrer Maßnahmen beweisen möchte, sollte sie nicht die Immissionen in ihrem Umfeld, sondern ihre Emission an ihren Emissionsquellen von den Behörden messen lassen. Nur auf diese Weise kann festgestellt werden, ob die neuen Ofentüren auch wirklich dicht abschließen. Daher sollte auch die Stadtverwaltung Bottrop darauf dringen, künftig auch die Emissionen der Kokerei zu messen.

So sind die vergleichsweise niedrigen BaP-Messwerte in Batenbrock auch kein Verdienst der Kokerei, sondern dem Wind zu verdanken. Dazu erklärt das LANUV: „Die Windrichtungsverteilung während der Expositionszeit … zeigt als Hauptwindrichtung Südwest (27 %) mit geringen Anteilen Wind aus Südsüdwest (15 %) und Süd (10 %) sowie Südsüdwest (9 %). Alle anderen Windrichtungsanteile waren deutlich geringer.“ (Seite 10) Die Windverteilung ist jedoch nicht typisch für Bottrop: Die langjährige mittlere Windrichtungsverteilung für das Referenzgebiet Ruhrgebiet zeigt zwar ein deutliches Maximum auf den südwestlichen Windrichtungen, jedoch findet sich ein sekundäres kleineres Maximum bei nordöstlichen Anströmrichtungen. (Kommunalverband Ruhrgebiet: Immissionsbewertung der Stadt Bottrop; 2002, Seite 21;)
Die beiden Windrosen zeigen eindrucksvoll, dass Batenbrock im Messzeitraum gegenüber dem Jahresdurchschnitt deutlich begünstigt worden ist.

Völlig unverständlich ist, dass die Stadtverwaltung im Fettdruck hervorhebt: „Der Sommergrünkohl wies keine erhöhten BaP-Belastungen auf.“ Dieses Phänomen hatten wir bereits in unserer Pressemitteilung im November 2020 erläutert. Schon damals zeichnete sich anhand der Messungen des LANUV ab, dass dies ein reines Schönwetterphänomen ist und nicht auf die Maßnahmen der Kokerei zurückzuführen ist, wie die Stadt Bottrop auf ihrer Website behauptete. Dies beweist der nun vom LANUV vorgestellte Bericht in aller Deutlichkeit.

Erneut spricht die Stadtverwaltung vom „Sommergrünkohl“. Dabei handelt es sich offenbar um eine Wortneuschöpfung der Stadtverwaltung. Grünkohl ist das klassische Wintergemüse. Grünkohl kann den ganzen Winter über geerntet werden und wird üblicherweise nach dem ersten Frost geerntet.

Umso erstaunlicher ist es, dass das LANUV seine Messperioden von Mai bis August und August bis Dezember ansetzt. Dabei hat das LANUV erkannt, „dass PAK bei niedrigen Temperaturen deutlich stabiler sind und nicht so stark abgebaut werden wie im Sommer.“ (Seite 11) Zudem erfolgt unter der Einwirkung von UV-Strahlung in der Atmosphäre, an Bodenoberflächen sowie in Gewässern (bis max. 7 m Tiefe) ein Abbau der PAK durch Photooxidation. Es ist also von einer Korrelation von Sonnenstunden und geringen Benzo[a]pyren-Werten auszugehen.

Daher fordern wird das LANUV auf, seine Messungen künftig auch im Winter durchzuführen, um das wahre Ausmaß der Benzo[a]pyren-Belastung der Bottroper Bürger festzustellen. Im Ergebnis ist also festzuhalten, dass die Stadtverwaltung Bottrop ihre Anwohner manipuliert und gute Ergebnisse suggeriert, die es schlicht nicht gibt. Ersichtlich will die Stadtverwaltung zu Gunsten der Kokerei lediglich verhindern, dass weitere Klagen erhoben werden.

Soweit in letzter Zeit mehrere Parteien Interesse an den Vorgängen rund um die Kokerei erklären, ist der zeitliche Zusammenhang zu den anstehenden Bundestagswahlen doch schon sehr auffällig. Immerhin haben sich alle demokratischen Parteien des Landtages auf unser seinerzeitiges Informationsschreiben gemeldet. Nur von den Grünen gab es keinerlei Reaktion. Allein das dürfe belegen, welches Interesse in Wahrheit besteht.